No Vaccination Selfie Today

Berlin, June 17, 2021 | #capitalism #dearvirus #instagram

Es soll nicht spassverderberisch klingen, und ich kann, soweit ich den Drang zur Selbstabbildung verstehe, manchmal bin ich mir nicht sicher, auch den Impfselfie-Reflex nachvollziehen. Er markiert, wie alles auf Social Media, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, und in dieser Gruppe lebt es sich besser als unter Virusleugnern, Antivaxxern oder Reichskriegsbürgern. Es ist die Gruppe der Glücklichen, die ohne eigenes Verdienst Zugang zu einem Stoff haben, der anderen ohne eigenes Verschulden fehlt, und so zelebriert jedes Impfselfie immer auch die Ungerechtigkeit der Verteilung, den Glauben an oder die Hoffnung auf das Überleben der Fittesten und Vernetztesten, insbesondere das eigene. Zu diesem Zweck machen solche Fotos von einem gesellschaftlichen Zustand ein alleinstehendes, vereinzeltes und zugleich alleinstellendes, vereinzelndes Bild. "Es gibt keine Gesellschaft" behauptete, famously, Margaret Thatcher, und auch aus tausend Impfselfies wird sich keine mehr zusammensetzen. Die eigene Impfung bleibt ein Einzelschicksal, wenngleich ein glückliches, und das vor Publikum zu feiern hat immer auch etwas Selbstherrliches. Die Welt wäre besser, nähmen mehr Leute ihren eigenen Impfstatus weniger persönlich. Denn mit der Spritze ist es nicht viel anders als mit der Maske: das ist kein persönlicher Maulkorb, oder Freifahrtschein in die Urlaubshöllen des Sommers von 21, sondern ein winziger Beitrag gemäß des stochastischen kategorischen Imperativs, sich so zu verhalten, dass, verhielten sich alle so, weniger Menschen an Corona sterben müssten. Solange dieser Imperativ nur individuell gilt, aber nicht gesellschaftlich, so lange werden wir im Kapitalismus leben, uns von Irren, Verbrechern, Kleinkriminellen und Idioten regieren lassen, zunehmend frustriert auf unseren Endgeräten herumklicken und swipen, gegen die Wahrscheinlichkeiten agieren statt mit ihnen, und in Fragen von Glück und Unglück immer bloss Selbstdarsteller bleiben.