Lügenpresse

Berlin, May 31, 2017 | #Naziporn #Spiegel #TheGermans

Im SPIEGEL gibt es gerade eine lange Werbestrecke für den "Star der 'Identitären Bewegung'" (1), eine Männerphantasie vom "Postergirl der neuen Rechten", mit schicken Schwarzweissfotos von neo-noir bis nouvelle nazi-vague. (2)

Auch der Autor wirft sich in Pose – hier eine, die auf den ersten Blick so aussehen soll, als distanziere er sich von den rassistischen Ideen seiner neurechten Flamme:

Wenn man im Kopf das Deutschland Wirklichkeit werden lässt, das sie sich wünscht, entsteht das Bild eines geisterhaften Landes. Alle kulturfremden Einwanderer würden verschwinden. Fatih Akin, Elyas M'Barek, Mesut Özil, Sibel Kekilli, Akif Pirinçci, Cem Özdemir, sie alle wären weg.

Wenn jemand im Kopf ein Deutschland Wirklichkeit werden lässt, dann könnte man noch meinen, das Problem wäre allein der Kopf: hier wäre nur Dummheit am Werk und keine Bosheit, hier ringe bloss jemand mit der deutschen Sprache statt um die kulturelle Identität des deutschen Volkes. Aber so blöde, seine Phantasie von den "kulturfremden" Einwanderern nicht in Anführungszeichen zu setzen – um damit zumindest anzudeuten, dass er das Vokabular seiner Gesprächspartnerin nicht selbst benutzt, sondern nur, damit ein schöneres Bild entsteht, übernimmt – kann niemand sein. Und selbst wenn der SPIEGEL seinem Postergirl statt eines Hausbesuchs eine Gastkolumne angeboten hätte: auf eine derart bodenlos freche Lüge wie die, die im Text des SPIEGEL-Autors jetzt folgt, wäre sie nie gekommen.

Fatih Akin? Geboren in Hamburg. Elyas M'Barek? Geboren in München. Mesut Özil? Geboren in Gelsenkirchen. Sibel Kekilli? Geboren in Heilbronn. Cem Özdemir? Geboren in Bad Urach.

Aber das reicht noch nicht, das ist immer noch nicht beleidigend genug. Einen sechsten Kumpanen muss der Autor seinen fünf Lieblingsausländern noch reindrücken, um sicherzugehen, dass sie verstehen, dass das, was er schreibt, ganz genau so gemeint ist, wie es sich liest. Einen muss er noch finden, der wirklich in Istanbul geboren ist. Und wer fällt ihm ein? Ausgerechnet der Typ, der 2015 in Dresden öffentlich verkündet hat, was ihm an den Konzentrationslagern nicht gefalle, sei, dass sie derzeit ausser Betrieb sind – woraufhin er von genau jenem Nazimob, von dem die "Identitären" sich panisch abzugrenzen versuchen, von der Bühne gepfiffen wurde.

Und das ist kein Zufall, sondern eine klare Botschaft, die – auch wenn in der deutschen Mehrheitsgesellschaft wohl kaum jemand verstehen wird, worin die Funktion von Pirinçci in dieser Liste besteht – ihre Adressaten genau so sicher erreicht wie eine Nagelbombe des NSU.

 

1. Juni, Update

Nur kurz eingeworfen: Pirinçci ist aus vielen Gründen unerträglich, aber er ist nicht der Typ, "dem an Auschwitz nicht gefällt, dass es ausser Betrieb ist". http://www.stefan-niggemeier.de/blog/22191

Ich hab das damals live angeschaut. Er hat gesagt: "Die KZs sind ja leider ausser Betrieb." Hätte er "zum Glück" gesagt, hätte ich was anderes geschrieben.

Habe es mir gerade noch mal angehört. Es ist (relativ) eindeutig, dass Pirinçci nicht das Fehlen der KZs (für Migranten) bedauert, sondern das Fehlen der KZs als Alternative zur Abschiebung für pegidistische Deutsche letztendlich erleichtert konstatiert. Das "leider" als missglückten Versuch, den Sarkasmus deutlich zu machen.

Drei Sachen:

1) Ich finde es ja eigentlich schade, dass wir uns jetzt in den Pirinçci verbeissen, weil ich dein ursprüngliches Anliegen, nämlich über die Sprache der Bilder zu sprechen, für mindestens genauso wichtig halte – und die Fähigkeit der Leute, auf Bildern zu sehen, was abgebildet ist, oft für weniger weit ausgebildet als die, aus Texten herauszulesen, was in sie hineingeschrieben ist. Aber ich befürchte, in diesem Fall kommen wir um die Probleme mit der Sprache der Wörter nicht herum.

2) Ich habe damals den YouTube-Stream der Veranstaltung, auf der Pirinçci gesprochen hat, live angeschaut, von Anfang bis Ende. Ich erinnere mich nicht nur an diesen Satz und seinen Kontext, sondern auch noch an den Kontext vom Kontext vom Kontext. Und die Seite von Stefan Niggemeier kenne ich auch.

In keiner Sprache der Welt ist "leider" eine missglückte sarkastische Chiffre für "zum Glück". Hätte Pirinçci seiner Erleichterung Luft machen wollen, dass deutsche Patrioten von ihrer eigenen Regierung zur Zeit nicht vergast werden, dann hätten ihm sprachliche Mittel zur Verfügung gestanden, diese Erleichterung zum Ausdruck zu bringen. Das hat er aber nicht gemacht, sondern er hat im Anschluss an eine Anekdote von deutschen Machthabenden, die deutschen Volksgenossen die Ausreise empfehlen, und zwar nach einer Pause von 18 (!) Sekunden, während der das Dresdner Publikum "Volksverräter!" und "Widerstand!" gebrüllt hat, gesagt: "Es gäbe natürlich andere Alternativen, aber die KZs sind ja leider derzeit ausser Betrieb."

Jede und jeder hat hören können, was er da gesagt hat. Nein, er hat nicht gesagt, er will Ausländer vergasen. Nein, er hat auch nicht gesagt, was Stefan Niggemeier behauptet, nämlich dass das Schicksal der Gegner der Asylpolitik vergleichbar sei mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich. Was er gesagt hat, war einfach bloss: Schade, dass die KZs gerade nicht in Betrieb sind. Und zwar nicht wegen des an den Haaren herbeigezogenen Sinns, den dieser Satz als verunglückte Schlusspointe einer an sich schon verunglückten Erzählung über die Regierenden in Deutschland gemacht hätte, wenn er statt den Worten, die er benutzt hat (insbesondere: leider), andere verwendet hätte (zum Beispiel: zum Glück).

Pirinçci wollte sagen, dass ihm an Auschwitz nicht gefällt, dass es ausser Betrieb ist. Nichts anderes. Der gesamte Zweck seiner Rede bestand darin, Sachen zu sagen, die über die Grenze dessen, was man in Deutschland auf öffentlichen Veranstaltungen sagen darf, hinausgehen. Es ging um nichts anderes als um genau diese Provokation: das, was Nazis in Deutschland nicht sagen können, einmal vor Publikum auszusprechen. Der Kontext, den das Manuskript seiner Rede liefert, tritt dabei zurück vor dem restlichen Kontext: Ort, Publikum, Stimmung, Tenor der Veranstaltung. Jeder dort hat ihn verstanden. Vielen ging es ein bisschen zu weit. Im weiteren Verlauf seiner Ansprache hat er derart penetrant mit Sexual- und Fäkal-Vokabeln um sich geworfen, dass der Pegida-Mob angefangen hat, ihn auszupfeifen, bis ihn Lutz Bachmann schliesslich von der Bühne geholt hat.

3) Ein Journalist, der schreibt: "Wenn man im Kopf das Deutschland Wirklichkeit werden lässt, das sie sich wünscht, entsteht das Bild eines geisterhaften Landes. Alle kulturfremden Einwanderer würden verschwinden. Fatih Akin, Elyas M'Barek, Mesut Özil, Sibel Kekilli, Akif Pirinçci, Cem Özdemir, sie alle wären weg." – was möchte der, deutsche Sprache schwere Sprache zum Trotz, sagen?

Er will sagen: Ich stell mir jetzt mal vor, wie es wäre, wenn die Tante von den Identitären hier das Sagen hätte. Das wäre ja ganz schön scheisse, weil dann meine Lieblingsregisseure, Lieblingsfussballer und Lieblingspolitiker nicht mehr im Lande wären. Was er nicht sagen will, ist: Ich bin so blöde, dass ich jeden mit einem fremdländisch klingenden Namen für einen Einwanderer halte. Er will auch nicht sagen: Ich bin zu faul, deren Herkunft mal kurz nachzuschlagen. Er will noch nicht einmal sagen: Wenn ich die fünf Leute, die mir da durchgerutscht sind, mal weglasse, besteht das Geisterhafte an Deutschland ja eigentlich nur noch darin, dass ausgerechnet der Typ rausfliegt, der von deutschen Nazis am Weiterreden gehindert werden musste.

Er will das alles nicht sagen, nehme ich mal an. Aber was sagt er? Er sagt allen Einwanderern in Deutschland, dass sie es vergessen können, dass sie nie dazugehören werden, selbst wenn sie in Deutschland geboren wären, selbst wenn sie es zum Filmstar, Fussballmillionär oder Parteivorsitzenden bringen würden. Diese Liste kulturfremder Einwanderer ist kein Zufall, sondern eine glasklare Botschaft. [...] Bestenfalls wird das als journalistische Schlamperei oder redaktionelle Panne abgetan, schlimmstenfalls muss ich zum x-ten Mal erklären, warum ich darauf beharre, dass Pirinçci gesagt hat, was er gesagt hat – obwohl mir der Typ genauso egal ist wie Trump, wenn er behauptet: Aber das kenianische Geburtenregister ist ja leider so lückenhaft!

Der Mann vom SPIEGEL möchte gewiss nichts Böses. Alles was er möchte, ist, dass der geisterhafte Wahnsinn, der, wenn er an Deutschland und die Nazis denkt, in seinem Kopf Wirklichkeit wird, auch als Bild in seinem Text vorkommt. Wer's nicht erkennt, muss länger hinschauen. Sechs Namen. Fünf sind falsch. Einer ist richtig. Einerseits: Warum sind so viele falsch? Andererseits: Warum sind nicht alle falsch? Warum ist einer richtig? Warum muss einer richtig sein? Und warum muss der eine Name, der richtig ist, ausgerechnet dieser Name sein? Ich finde das eigentlich alles überhaupt nicht rätselhaft.

 

(1) Melanie Schmitz: Der Star der ultrarechten Identitären Bewegung

(2) Abbildung hier, stattdessen: Götz Kubitschek, der laut SPIEGEL "wichtigste Intellektuelle der Neuen Rechten"