
Wenn ein deutsches Parlament, das ausschliesslich aus Männern bestünde, den "Schutz ungeborenen Lebens in all seinen Facetten" beschliessen würde, dann würden viele Deutsche das zurecht als Rückfall in eine finstere patriarchale Vergangenheit beschreiben. Wenn aber, wie gestern geschehen, ein zu 100% judenfreier Deutscher Bundestag den "Schutz jüdischen Lebens" einfordert und behauptet: "Jüdisches Leben in all seinen Facetten ist heute ein selbstverständlicher und integraler Bestandteil unseres Landes", dann findet sich kaum ein Deutscher, der dieser dreisten Lüge widersprechen würde.
Dass es "trotz der Shoah wieder jüdisches Leben und jüdische Kultur in Deutschland gibt [und] ihre Existenz [...] eine Bereicherung unserer Gesellschaft" darstellt, ist eine deutsche Phantasiegeschichte. Fast alle Juden, die vor hundert Jahren in Deutschland gelebt haben, haben die Deutschen umgebracht oder vertrieben, in keinem der drei Nachfolgestaaten des Dritten Reichs war die Präsenz von überlebenden oder zurückgekehrten Juden jemals "selbstverständlich" oder gar "integral", nirgendwo in Deutschland konnten Juden geschützt vor Antisemitismus sicher leben, und bereichert haben sie Deutschland fast ausschliesslich in Form ihres arisierten Vermögens.
Wenn ein bayerischer Minister auf ein Flugblatt angesprochen wird, mit dem er als Gymnasiast erwischt worden war, in dem er "Vaterlandsverrätern" einen "Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz" in Aussicht gestellt hatte, und nun behauptet, er könne sich zwar an keine Details erinnern, habe aber aus seinen Fehlern gelernt und sei "seit dem Erwachsenenalter kein Antisemit" mehr, dann ist das ein deutscher Normalfall, der in der vom Bundestag verabschiedeten Liste der "großen Antisemitismusskandale der letzten Jahre" keiner Erwähnung bedarf. (Den tatsächlichen Terroranschlag eines deutschen Nazis auf eine Synagoge in Halle an Yom Kippur 2019 haben sie natürlich auch vergessen.)
Dass die Deutschen sich an den Holocaust nicht erinnern können, ist die Grundlage ihrer vermeintlichen Staatsräson. Die Verfasser der "Antisemitismus-Resolution" erinnern an kein einziges konkretes Verbrechen der Deutschen, in Erinnerung geblieben sind ihren allein die vorausgegangenen Erinnerungsveranstaltungen, und "nicht in Vergessenheit geraten" dürfen nicht etwa die Namen der Täter, sondern bloss die Worte der Opfer. Und selbst die dienen ihnen nicht als Erinnerungshilfe, sondern bloss als Beleg für das Wunder der eigenen Wiedergutwerdung.
Wenn in Deutschland jemand behaupten würde, die Juden instrumentalisierten die Shoah für ihre eigenen Zwecke, dann wäre das nicht nur ein antisemitisches Klischee, sondern auch eine absurde Verdrehung der Realität. Denn es sind nicht die Nachfahren der Opfer, sondern die Rechtsnachfolger der Täter, die sich den Holocaust in jahrzehntelanger Erinnerungsarbeit zum Grundpfeiler ihrer eigenen moralischen Überlegenheit zurechtgebogen haben. Den Krieg haben sie zwar verloren, aber dank Auschwitz sind sie zu Antisemitismusexperten geworden.
Was die "Antisemitismus-Resolution" des Deutschen Bundestags bezweckt, indem sie zahlreiche neuentdeckte Antisemitismen definiert, gegen zwei davon – "israelbezogenen Antisemitismus" und "zuwanderungsbasierten Antisemitismus" – Sofortmaßnahmen verlangt, den endlösungsorientierten Antisemitismus der Deutschen aber fast komplett unterschlägt, ist offensichtlich. Es geht darum, den Antisemitismusbegriff so sehr zu erweitern, zu verwässern und zu entwerten, bis von der deutschen Schuld am Holocaust nichts mehr übrig bleibt. Mit dem "israelbezogenen Antisemitismus" werden linke Kritiker israelischer Regierungs-politik unter Pauschalverdacht gestellt und Kunst und Wissenschaft – in der schönen Tradition von "Boycott, Divestment, Sanctions" – mit Förderungsentzug bedroht. Und mit dem "zuwanderungsbasierten Antisemitismus" wird eine Konstruktion geschaffen, die bei Bedarf alle Muslime in Deutschland in Sippenhaftung nimmt und die "Bekämpfung von Antisemitismus" an "repressive Möglichkeiten" im "Aufenthalts-, Asyl- und Staatsangehörigkeitsrecht" delegiert. Noch nie klang "Nie wieder Auschwitz!" so sehr nach "Ausländer raus!", und so ist es auch kein Wunder, dass die zu weiten Teilen gesichert antisemitische AfD der "Antisemitismus-Resolution" geschlossen zugestimmt hat.
Wer Israel nicht liebt, soll Deutschland verlassen. Das gilt auch – und insbesondere – für Juden, die sich im Konflikt zwischen Israel und Palästina nicht eindeutig genug positionieren und dabei die Narrative der israelischen oder deutschen Regierung in Frage stellen. Bislang scheut die deutsche Staatsräson noch davor zurück, den "jüdischen Antisemitismus" als eigenen, besonders perfiden Antisemitismus-tatbestand explizit hervorzuheben. Doch dass Juden in Deutschland von Deutschen als Antisemiten beschimpft werden, ist seit dem Überfall der Hamas auf Israel bereits restlos normalisiert. Und im Unterschied zu den israelbezogenen Antisemiten im deutschen Kultur- und Wissenschaftsbetrieb und den zuwanderungsbasierten Antisemiten in den deutschen Großstädten sind die jüdischen Antisemiten kaum organisiert und können sich gegen die Deutsche Staatsräson nur schwer verteidigen. Kritische Juden haben in Deutschland keine Lobby – sie sind Opfer, "Facetten" eines "jüdischen Lebens", das die Nationalsozialisten für immer ausgerottet haben und für das den Deutschen von heute jedes Verständnis fehlt.