Gestern in Berlin

Berlin, September 19, 2016 | #Berlin #Capitalism #Democracy

Dass anderthalb Millionen Leute, ohne dass sie irgendwer dazu gezwungen hätte, zeitgleich das Haus verlassen, um ein Formular auszufüllen, hat ja durchaus etwas Utopisches; das Widerliche ist, wie das binnen Stunden mit den Mitteln der Sportberichterstattung wieder begraben wird, bis der Berliner keine Demokratie mehr kennt, nur noch starke oder schwache Leistungen gut oder schlecht aufgestellter Parteien, die zufriedenstellende oder enttäuschende Ergebisse erzielt haben.

Selbst wenn es um Ergebisse ginge: Dass fünf Parteien ungefähr 15 bis 20 Prozent der Stimmen bekommen, ist ein maximal plausibler Ausgang einer demokratischen Wahl. Dass die Rassisten und Spiessbürger nicht mehr den rechten Rand der anderen Parteien, sondern eine eigene bilden, ist an sich nicht verkehrt. Dass die Piraten wieder FDP heissen, ist auch kein Drama. Und solange niemand die Bergpartei wählt, werden uns Wohneigentum, Autoverkehr, Polizei und das Bezahlen in der U-Bahn weiterhin erhalten bleiben.

Zwar zitieren alle das "liberale politische Klima" in Berlin, aber niemand macht sich die Mühe, zu beschreiben, was das ist: fast ausnahmslos das Resultat militanter Kämpfe (linksradikaler, feministischer, migrantischer, queerer), das heute von den meisten Berlinern, seien sie Bewohner, Besucher oder Neuzugänge, als Standortvorteil im Hinblick auf ihre individuelle Lebensqualität wahrgenommen wird; eine Serie historischer Errungenschaften, an deren Konsum jeder, an deren Verteidigung kaum wer und an deren Produktion fast niemand mehr teilnimmt. Selbst wenn die Mauer wieder aufgebaut, die noch verbleibenden Flughäfen geschlossen und sämtliche noch nicht mit leerstehenden Luxusimmobilien zugebauten Brachflächen ab sofort für die lokale Landwirtschaft genutzt würden: allein mit Gentrifizierung, Tourismus oder Migration lässt sich das, was passiert, wenn man den Kapitalismus nicht abschafft, nicht erklären.

Addendum, Januar 2017:

Zugleich zeigt sich, wie mit einer einzigen Personalie eine Unmenge von Leuten, die nie einer der drei regierenden Parteien ihre Stimme gegeben hätten, sich für deren Politik gewinnen liessen, würde man sie nicht sofort wieder daran erinnern, warum sie das auch weiterhin nicht tun werden.